Das Lied der Kämpferin

Manchmal kaufe ich Bücher, einfach weil ich den Einband schön finde. So wie vergangene Woche, als ich bei der Buchhandlung Korneuburg war. Damit bin ich schon einige Male „eingefahren“ und hatte dann wunderschöne Bücher daheim, die mich nicht im geringsten begeistert haben. Aber das btb-Taschenbuch von Lidia Yuknavitchs „Das Lied der Kämpferin“ war ein Volltreffer.

Nach ein paar Seiten wollte ich es schon ins Regal stellen, weil ich die Vorstellung eines Geokataklysmus so furchtbar fand und dann auch noch von Brandmalen die Rede war – Dinge, die ich wirklich erschreckend finde. Als Kind habe ich mit meiner Familie Pompeji besucht. Ich fand die Ruinen und Ausgrabungen faszinierend, aber die Macht des Vulkans so bildlich vor Augen geführt zu bekommen verursachte mir noch Wochen später Albträume. Ich denke, ihr versteht, warum das Thema Geokataklysmus für mich entsprechend unattraktiv war.

Aber wie ihr euch denken könnt: Es war unmöglich. Yuknavitchs Stil hatte mich bereits gefangen. Ich habe das Buch innerhalb von nur zwei Tagen durchgelesen und es auf mein Regalbrett der immer wieder lesbaren Bücher gestellt. Vielleicht fragt ihr euch jetzt: Aber was ist so besonders an ihrem Stil? Er ist facettenreich. Einerseits begeistern ihre teils eiskalt-analytischen Beschreibungen sozialer und naturwissenschaftlicher Phänomene, die oft brutale Direktheit und ungeschönte Art mit der sie auch unschöne Teile der Geschichte erzählt, andererseits die Introspektion und lebhafte Gefühlswelt ihrer Protagonistinnen. Ich werde das Buch definitiv auch noch im englischen Original lesen, um zu sehen, ob die gelungene Mischung aus brutaler Direktheit und poetischer Wortwahl auch dort die Faszination der Geschichte ausmacht oder ob sie ein Ergebnis der Übersetzung ist.

Lidia Yuknavitchs Roman "Das Lied der Kämpferin" ist in der Ausgabe von btb ein Taschenbuch. Im Zentrum steht das schwarz-weiß Bild einer Frau, die ihre Hände unter dem Vollmond auf ihren Kopf legt und von schönen grafischen Mustern umrahmt ist. Türkise Akzente verleihen dem Einband Lebendigkeit.
Ich finde diesen Einband unaufdringlich ästhetisch. Was meint ihr?

Jetzt fragt ihr euch sicher, worum es in dem Roman geht, nicht wahr? Es ist ein Science-Fiction und dystopische Elemente verbindendes Abenteuer, das in der nahen Zukunft auf und im Orbit der Erde spielt. Durch eine geschickte Verwebung mehrerer Zeit- und Erzählebenen und auch den Wechsel der Erzählperspektive erfahren wir die Geschichte der Menschheit, die sich in Kriegen zugrunde gerichtet hat. Die Geschichte der Erde, die durch Katastrophen verwüstet wurde. Und schließlich die Geschichten von Joan und Leone, Christine und Trinculo und Jean de Men und seiner neuen Elite CIEL.

„Das Lied der Kämpferin“ zeigt nicht nur eine dystopische Version der Zukunft in der die geschundene Erde zurückschlägt, sondern auch die verschiedenen Facetten von Rebellion. Gewaltsam oder rhetorisch, offen oder verborgen: Jede Form der Rebellion gegen ein brutales System hat in diesem Buch ihren Platz. In einer Welt ohne Fortpflanzung würde man meinen, dass auch Geschlecht überflüssig wird und doch ist es ein stetiger Teil der Narrative. Und schließlich ist da das Mysterium um Joans besondere Fähigkeiten, ihre „Berufung“, die an Jeanne d’Arc erinnert und die einen krassen Gegenpol zur Machtergreifung von Jean de Men, dem Celebrity, der erst Messias und dann Diktator wurde.

Besonders gut hat mir aus literaturwissenschaftlicher Sicht der Umgang mit Geschichten und Geschichte gefallen. Wer sich heutzutage mit Geschichte beschäftigt weiß nur allzu gut, dass die Gewinner ein Monopol auf die Interpretation erheben. In einer Welt ohne Papier, die von Unterhaltung lebt, werden die Körper zum Medium, Geschichten als Ersatz für Sexualität und Aufgaben. Geschichten als Rebellion, Theater als rebellischer Akt, Kunst als Gegenpol zu Folter und Fanatismus. All diese Themen hat Lidia Yuknavitch gekonnt zu einem nicht übermäßig langen Roman verflochten, der mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen, aber seid gewarnt: Es ist keine leichte Lektüre. Ich knabbere noch Tage später an den Themen und musste es zwischendurch immer wieder für kurze Zeit weglegen, um mich mental und emotional zu erholen. Trotzdem ist es absolut empfehlenswert, denn es bringt einige Themen, die viel zu selten angesprochen werden aufs Tapet und rüttelt durch seine manchmal erschreckende Direktheit auf.

Yuknavitch, Lidia
Das Lied der Kämpferin
Roman
352 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-641-22903-0
Verlag: btb-Verlag, Harper
Erschienen: März 2021

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